Der Duft des ersten Tages

Der Duft des ersten Tages

DRITTER PLATZ - AUTORENWETTBEWERB 2026

von Andrea Gluding - Duftwelt: High Fantasy

Lesezeit: ca. 4 - 6 Minuten

 

Manche Türen ließen sich nicht mit Schlüsseln öffnen, weder gab es Griffe noch Schließmechanismen – zumindest nicht im klassischen Sinn, den Menschen verstanden. Und dennoch öffneten sie sich. Nicht für jeden , sondern für die , die das Herz am rechten Fleck trugen.

Die Brandung peitschte mit tosender Wucht gegen die schwarzen Klippen, dass die Gischt wie silberner Rauch in der Luft hing und sich ein salziger Film  auf Haut und Lippen legte. Zwischen den Ruinen einer längst vergessenen Festung stand Stephen reglos inmitten von zerfallenen Räumen und Treppen, die ins Nirgendwo führten. Die bröckelnden Mauern waren überzogen von Moos und machten Eindruck als würden sie auch noch nach Jahrhunderten dem Wind und der Kraft des Ozeans trotzen.

Adalyn trat neben ihn und schaute auf die Sonne, die gerade langsam am Horizont verschwand. Stephen legte schützend den Arm um sie.

„Was nimmst du wahr?“ fragte sie, als sich an ihn schmiegte. Sie wusste, dass er weitaus schärfere Sinne hatte als sie, denn ihr Gefährte war ein Vampir. Stephen antwortete nicht sofort.

 Er roch das salzige Meer.

Nasses Gestein.

Tang.

Der metallische Geruch, der ein heraufziehendes Gewitter ankündigte.

Nichts Besonderes.

Der Wind drehte.

„Bienenwachs“, sagte er und schloss die Augen . Ein weiterer Duft mischte sich darunter. „Olivenholz.“

Adalyn schnupperte ebenfalls interessiert. „Rosmarin… Stephen?“ Sie schaute zu ihm auf, als wartete sie auf seine Bestätigung.

Er nickte. Jetzt konnten es beide riechen. Nur flüchtig. Wie die Erinnerung eines Traumes, der sich beim Erwachen verblasst. Stephen nickte. „Du hast Recht.“ Er zog sie näher an sich und küsste sie liebevoll auf die Stirn. Zuversichtlich gingen beide einen Schritt in die Richtung, aus der der Wind jetzt wehte . Dann geschah etwas Merkwürdiges.

Zwischen den Trümmern der Ruine erstrahlte ein goldenes Licht. Zuerst nur schwach. Dann immer heller. Steine und Ranken bewegten sich , als folgten sie einem uralten Willen und gaben alsbald den Blick auf einen Gang frei, der von Zerfall unberührt wirkte.

Stephen nahm Adalyn und zog sie mit sich, als könne er es nicht erwarten, Antworten zu bekommen.

Sobald sie den Gang betraten, verschloss sich der Eingang hinter ihnen.  Die tosende  Brandung war nur noch als sanftes Gemurmel zu hören und eine heimelige Wärme empfing sie. Die Luft trug den Geruch von altem Pergament und Bienenwachs.

„Riechst du das?“ fragte Stephen, aber ein Blick in Adalyns Gesicht verriet ihm bereits die Antwort. Sie lächelte und ihre Augen  strahlten vor Aufregung.

„Warte, Liebling…“ Stephen stoppte. „Beruhige dich. Dein Herz schlägt so schnell, dass es in meinen Ohren donnert.“ Stephen lächelte. Er fuhr sich mit der Hand durch seinen kurzen dunklen Haare und sah auf Adalyns zierliche Gestalt hinab, deren honigblondes Haar sich  von der Feuchtigkeit des Meeres noch immer auf ihren Schultern wellten. Ihre blauen Augen ruhten auf seinen, geduldig und liebevoll.

Stephen schüttelte den Kopf, als wäre er immer noch überrascht von der Zuneigung, die sie ihm entgegenbrachte.

Dann hörte er es. Leises Kratzen, Feder auf Papier. Er legte den Kopf schief. „Was ist?“ fragte Adalyn neugierig.

„Jemand ist hier“, sagte er lauschend, „und schreibt“.

Er deutete mit einer Kopfbewegung an, ihm zu folgen. Dann weitete sich der Gang und führte  in eine runde Halle, die von einer riesigen gläsernen Kuppel von sanftem Licht durchflutet wurde, dessen Ursprung auf den ersten Blick nicht erkennbar war. Regale mit unzähligen Büchern und Pergamentrollen  wirkten als würde sie das Gebäude tragen, in dem sie aufbewahrt wurden. Und doch schien die Bibliothek nicht übervoll, sondern heimelig und einladend.

In der Mitte der Halle stand ein  Schreibtisch. Ein Mann saß dahinter nach vorne gebeugt, seine Hand führte  eine Feder, die über eine halbvolle Seite kratzte. Er wirkte nicht älter als Adalyn und Stephen.

Als die Beiden näher traten schaute er kurz mit einem warmen Lächeln zu ihnen auf.

„Stephen. Adalyn“, begrüßte er sie, als wären sie schon seit langer Zeit befreundet. „Seid willkommen. Ihr habt einen langen Weg hinter euch.“

„Wir sind auf der Suche nach einem Heilmittel“, erklärte Stephen ohne Umschweife.

„Meinst du?“ fragte der Schreiber , ohne jedoch von seine Arbeit zu unterbrechen.

Stephen ballte seien Hände zu Fäusten. „Ich will den Fluch loswerden… für sie“, fügte er hinzu als würde das  alles erklären.

Der junge Gelehrte hob nun doch überrascht den Kopf und hörte auf zu schreiben und erhob sich. Als das Licht über seinen Rücken glitt, glaubte Stephen seine Augen hätten ihn getäuscht. Doch was eben noch wie der Faltenwurf eines schlichten Gewandes gewirkt hatte, entfaltete sich lautlos zu zwei mächtigen Schwingen.

Stephen schwieg ehrfürchtig. Ein fasziniertes Lächeln breitete sich auf Adalyns Lippen aus. Sie unterdrückte den Impuls, die Hand auszustrecken, um die Flügel zu berühren.

Der Schreiber lächelte, als wüsste er, was in ihren Gedanken vor sich ging.

„Du bist … der Schreiber Gottes“, flüsterte sie – mehr zu sich selbst als zu den anderen.

„Neriel“, ergänzte der Engel.

„Kommt, ich habe nicht oft Besuch.“ Neriel schritt voran, stieg eine breite Treppe empor und ging durch einen weiteren Torbogen, der in eine weitere Halle führte.

Fläschchen und Schriftrollen waren auch hier in Regalen gelagert, so viele, dass es einen Betrachter schlicht überforderte. Der Engel deutete auf eine Sitzgruppe mit einem tiefen runden Tisch, auf dem Tonbecher und ein Krug bereitstanden sowie eine Schale mit frischen Früchten, deren süßer Geruch leicht in der Luft hing.

Neriel setzte sich an den Tisch und goss frisches Wasser ein. Stephen und Adalyn folgten seiner Einladung.

„Stephen, eines gleich zu Beginn,“ eröffnete der Schreiber das Gespräch. Stephen beugte sich sogleich nach vorne, da die Ungeduld in ihm brannte.

„Ich habe, wonach du suchst“, sagte Neriel ruhig.

„Aber?...“ Stephens Stimme klang angespannt und gereizt. Adalyn legte eine Hand auf Stephens Arm, was ihn sofort ruhig werden ließ.

 

Der Engel sah ihn mit einem schalkhaften Grinsen an. Er hob die Hand und zeigte drei Finger. „Beantwortet mir drei Fragen. Und dann fällt eine ehrliche Entscheidung.“ Der letzte Satz war an Adalyn gerichtet.

„Wärst du Adalyn begegnet, wärst du kein Vampir geworden?“, fragte Neriel.

Stephen zog scharf die Luft ein. Er schüttelte den Kopf. Sie wären sich nie begegnet. Er wäre längst gestorben, bevor Adalyn überhaupt geboren worden wäre.

„Wäre Adalyn heute noch am Leben, wenn du nicht an ihrer Seite wärst?“ Der Schreiber gab ihnen einen Moment. Stephen und Adalyn schüttelten beide den Kopf. Er hatte schon viele brenzlige Situationen zu ihren Gunsten abwenden können.

„Und zuletzt… Das kleine Dorf in der Nähe von Stonehaven…Gäbe es das heute noch, ohne eure Hilfe?“

Stephen legte seinen Arm um sie, als würde es sie vor der Erkenntnis schützen, die in ihnen beiden heranreifte. Stille legte sich über den Raum.

Neriels Lächeln hingegen wurde etwas breiter.

„Du meinst…“, Adalyn sprach nur zögerlich

„Ich sage nur, ich sehe, was ihr trotz des Vampirismus erreicht habt, was ihr tut.“

Adalyn senkte den Blick: „Es ging nie um Heilung… es ist Gottes Wohlwollen, das wir suchen.“

„Adalyn… bitte…“Stephen wollte protestieren, aber er fühlte, dass sie Recht hatte.

Neriel lächelte wissend. "Es gibt eine alte Tradition unter uns, wenn sich jemand dem Licht verschreibt." Er zog eine schlichte Phiole aus dem Umhang. "Wollt ihr wissen, wie die Welt am ersten Tag ihrer Schöpfung roch?"

 

Über die Autorin

Andrea Gluding wohnt mit ihren beiden erwachsenen Kindern  und ihrem Border Collie im schönen Saarland. Das Schreiben hat sie bereits als Jugendliche begonnen und bis heute beibehalten. Sie hat schon einige Kurzgeschichten bei Bastei Lübbe veröffentlicht. Auch zusammen mit einem Kollegen sind schöne Geschichten entstanden. Zur Zeit arbeite sie an einem Roman in Richtung Urban-Fantasie. Inspiration findet sie tatsächlich überall. Sie verlässt  selten das Haus ohne Schreibmaterial in der Tasche, um alles direkt zu notieren.

Ihr findet Andrea Gluding auf Instagram unter: "darkstories1900"

 

Weitere Gewinnergeschichten:

Der unerwartete Brief - Unter dem Blättermeer

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© 2026 Andrea Gluding. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Autorin.

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