ZWEITER PLATZ - AUTORENWETTBEWERB 2026
von Dirk Hoffmann - Duftwelt: High Fantasy
Lesezeit: ca. 4 - 6 Minuten
Vereinzelte Strahlen der untergehenden Sonne ergossen sich noch durch das endlose Blätterdach des Waldes und ließen bunte Blüteninseln in seinem lebenshungrigen Grün aufleuchten. Ein warmer Wind flüsterte mit ihren Düften unzählige Geschichten. In der Luft lag ein ganzes Leben. Es roch nach hoffnungsvollem Aufkeimen, unaufhaltsamem Wuchs, honigsüßem Erblühen und unumgänglichem Verwelken.
Es raschelte nahezu unhörbar am Waldboden und ein zwei Fuß großer Schatten huschte flink von einem Baum zum nächsten. Er blieb abseits des Weges, glitt hier lautlos über eine Wurzel, sprang da leichtfüßig auf einen Ast und tauchte ins Dickicht, ohne auch nur den kleinsten Zweig erzittern zu lassen. Selbst ein wachsames Schleichhörnchen, an dem sich der Schatten nah vorbeidrückte, schaute lediglich verwundert auf und schnupperte kurz misstrauisch, bevor es weiter an einem Haselpilz knabberte, aber da war er schon längst hinter dem nächsten Baumstamm verschwunden und hielt zwischen seinen knorrigen Wurzeln inne.
Arthur streifte die Kapuze ab und blickte sich misstrauisch um. In der Nähe waren Trolle, er konnte sie riechen. Er roch nicht mehr allein den Wald, ein strenger Dunst von Ziegenstall und verkochtem Kohl schlich sich ein. Er musste vorsichtig sein, denn Trolle und Wichte verstanden sich nicht so gut. Sein Großvater erzählte am Kamin oft Geschichten vom zweiten Waldkrieg. Ach, wie gern hätte Arthur jetzt am behaglichen Feuer gesessen und ihm einfach gelauscht. Einige der mutigen Himmelsfahrer, die in ihrem Dorf anlegten um Vorräte zu kaufen, bevor sie mit ihren Luftschiffen das weite Blättermeer überquerten, hatten Arthur von weit entfernten Städten erzählt. Dort lebten Wichte und Trolle friedlich miteinander, aber hier auf dem Waldgrund währte die alte Feindschaft noch immer.
Vor dreizehn Tagen war Arthur zu seiner Wichtwerdung aufgebrochen. Wie schon Generationen junger Wichtlinge vor ihm, so wanderte auch er ganz auf sich allein gestellt durch das ganze Ambratal, bis zur großen Roseneiche. Dort würde er seinen Namen in ihre Rinde schnitzen und wäre nicht mehr länger ein bloßer Wichtling, sondern ein gestandener Wicht. Sein Ziel war nah, schon seit fast einer Stunde erfüllte der herrliche Duft der ewigen Blüten die frische Waldluft. Eine besonders schöne Blüte wollte er mitnehmen und seiner geliebten Katja schenken. Bei dem Gedanken an das schönste Mädchen des Dorfes brannte die Sehnsucht in seinem Herzen.
Arthur schob sich vorsichtig durch ein Gewirr von Ranken und Ästen, bis er hinter einem umgestürzten Baumstamm Deckung fand. Vorsichtig spähte er über den Rand und sah die prächtige Roseneiche. Die dornigen Äste des gewaltigen Baumes verloren sich in der Weite des grünen Himmels und ihre zart duftenden Blüten funkelten darin wie Sterne in einer klaren Sommernacht.
Leider war der Trollgeruch hier noch stärker und Arthur hörte jetzt ein bellendes Lachen. Vier ziemlich untersetzte und äußerst haarigen Gestalten standen nur zwei Steinwürfe entfernt und durchwühlten einen großen Handkarren, dessen unglückseligen Besitzer sie einige Meter weiter an einen Baum gefesselt hatten. Über Trolle gab es schlimme Geschichten und wahrscheinlich sollte der alte Gnom ihr nächstes Abendessen werden.
Arthur fragte sich gerade, was er nur tun konnte, als die Antwort schon seine Nase kitzelte. Der Wicht schnüffelte konzentriert. Zwischen herrlichem Rosenduft und grindigem Trollstunk wehte ein holzig-säuerlicher Hauch, fein wie ein vom Wind zerrissener Nebelschleier. Bohrnissen, erkannte der Wichtling und schlich noch etwas weiter. Als ein hohes Summen seine spitzen Ohren erreichte, blickte Arthur suchend auf. An einem der tieferhängenden Äste der hoch aufragenden Roseneiche baumelte das pulsierende Nest der bösartigen Insekten. Es war so groß wie einer von Großmutters Kürbissen im Herbst und allein bei dem Gedanken an ihren köstlichen Eintopf lief Arthur das Wasser im Munde zusammen.
Der Wichtling überlegte kurz, rollte dann geschickt aus seinem Versteck, sprang auf die Füße und riss seinen Bogen von der Schulter. Er legte gerade einen Pfeil auf, als ihn der erste Troll entdeckte und zu einem wütenden Schrei ansetzte. Die Sehne schwirrte und einen Wimpernschlag später taten das die Bohrnissen auch. Das Nest schaukelte zwar einen kurzen Moment unentschlossen, fiel dann aber genau in den Handkarren zwischen die gierigen Trolle. Der wütende Schwarm stürzte sich mit einem hohen Kreischen auf die wilden Gesellen und jagte sie immer tiefer ins Unterholz, bis sich ihre jaulenden Stimmen im Dickicht verloren. Schnell verklangen sie völlig und lediglich das lallende Zwitschern eines fröhlichen Schluckspechtes hallte noch über die Lichtung.
Arthur eilte zu dem gefesselten Gnom und rückte den groben Stricken mit seinem Messer zu Leibe.
„Danke, mein Junge, es hätte bestimmt nicht mehr lange gedauert und diese Mistkerle hätten mich gegrillt.“ Der Gnom kam ächzend auf die Füße und schüttelte die Reste der Fesseln ab.
„Bist du verletzt?“, fragte Arthur besorgt.
„Nein, ist noch alles dran, ich... Oh, du bist wohl auf deiner… wie nennt ihr das noch… Wichtwerdung, oder?“
„Ja, das stimmt, endlich bin ich hier“, nickte Arthur überrascht und zeigte zu der gewaltigen Roseneiche.
„Dann bist du ja schon eine ganze Weile unterwegs.“
„Ja, so lang war ich noch nie weg von daheim“, gab der Wichtling zu und der Gnom sah ihn forschend an, ehe er verständnisvoll lächelte.
„Dann habe ich hier irgendwo genau das Richtige für dich, warte mal…“ Der Gnom warf die verlassenen Reste des Insektennestes hinter sich und kramte zwischen den Säcken und Kisten auf seinem Handkarren herum. Einige geräuschvolle Augenblicke später hielt er Arthur eine mit Bienenwachs gefüllte Tonschale entgegen.
„Was ist das?“
„Das ist eine Feen-Kerze aus den Sümpfen nördlich von hier. Bei Himmelsfahrern sind sie beliebt, wenn sie mal das Heimweh plagt.“ Er zwinkerte Arthur zu und der Wicht sah beschämt auf seine Stiefelspitzen.
„Manchmal plagt es mich schon etwas...“
Der Gnom klopfte ihm mit seiner kräftigen Hand auf die Schulter.
„Ist keine Schande, mein Junge, wirklich nicht. Nochmals vielen Dank und komme wohlbehalten heim.“
In der aufkommenden Dämmerung verabschiedeten sie sich winkend voneinander und Arthur schlug sein Lager zwischen einigen abgelegenen Felsen auf. Er kroch in seinen Schlafsack und seufzte traurig, denn er hätte viel lieber daheim in seinem eigenen Bett geschlafen.
Nachdenklich betrachtete er die Feenkerze und entzündete ihren Docht mit einem Reibholz. Die kleine Flamme verströmte warmes Licht und Arthur schloss die Augen. Leichte, beflügelnde Düfte legten sich kühlend über sein brennendes Heimweh.
Er roch die kochenden Töpfe seiner Großmutter und die süßliche Pfeife seines Großvaters, der mit seiner tiefen Stimme eine spannende Geschichte erzählte. Bei einem satten Geruch von Heu hörte er die Schafe vor seinem Fenster blöken, als eine feine Spur von Lavendel so leichtfüßig und beschwingt zwischen ihnen umhertanzte, wie Katja beim letzten Erntefest getanzt hatte. Mit einer frischen Sommerbrise rauschte der Bach und mit klarer Minze sah Arthur den Morgentau auf den Weiden glitzern. Das Aroma von Orangen, so hell und klar wie Katjas Lachen leuchtete zwischen all dem. Es roch nach zuhause und zufrieden lächelnd schlief der Wichtling ein.
Über den Autor
Dirk Hoffmann ist 51 Jahre alt, lebt im Ruhrgebiet und arbeitet als Krankenpfleger im psychiatrischen Bereich.
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Der unerwartete Brief - Der Duft des ersten Tages
© 2026 Dirk Hoffmann. Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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